fauler hund

Freiheit oder Langeweile?

Blogparaden sind ja eigentlich nichts für mich, aber da meine letzte genau ein Jahr her ist, kann ich ja mal wieder eine Ausnahme machen. Der Privatier stellt nämlich die durchaus spannende Frage, was man sich eigentlich von dieser finanziellen Freiheit erhofft, die alle anstreben. Und was man denn zu tun gedenkt, wenn es denn soweit ist. Kommt mit der großen Freiheit auch die große Langeweile?

Lotto King Karl

Die Frage, was finanzielle Freiheit bedeutet, erinnert an das Gedankenspiel, was man mit sechs Richtigen im Lotto machen würde. Ich fand die Vorstellung immer faszinierend, nach dem großen Millionengewinn erstmal ganz normal montags ins Büro zu gehen und sich nichts anmerken zu lassen, außer vielleicht einem dauerhaften sehr zufriedenen Grinsen im Gesicht.

Verbreiteter scheint aber der Wunsch zu sein, dem Chef mal richtig die Meinung zu geigen und genüsslich mit sofortiger Wirkung zu kündigen. Und danach erstmal die nächsten drei Monate ab auf die Malediven, um die Lieferzeit für den neuen Ferrari zu überbrücken. Ich will gar nicht sagen, dass so ein Verhalten unbedingt ins Verderben führt, man muss ja nicht gleich alles so falsch machen wie Lotto Lothar, vielleicht macht man’s ja auch wie Lotto King Karl. Aber ich finde die Vorstellung attraktiver, dass ich mir eigentlich eine Ferrari leisten könnte, aber weiterhin meinen 10 Jahre alten Golf weiterfahre.

Genau das ist für mich die Quintessenz von Freiheit: Den Lamborghini kaufen zu können, aber nicht zu müssen, weil man niemanden beindrucken will oder muss. Dazu kommt: Wenn man sein Leben von heute auf morgen so radikal umstellt und den Job direkt an den Nagel hängt, bleibt das nicht ohne Auswirkungen auf das private Umfeld, und diese Auswirkungen sind nicht unbedingt alle positiv.

Neureiche Alkoholiker

Vor ein paar Jahren erschien in der brandeins eine Geschichte, die mich nachhaltig beeindruckt hat, über einen Manager, der quasi über Nacht zur (nicht nur) finanziellen Freiheit gezwungen wurde: Dieter Reichert war Mitinhaber einer Softwarefirma, arbeitete regelmäßig 70 bis 90 Stunden pro Woche, und wurde dann von heute auf morgen aus der eigenen Firma herausgekauft. Er stand also auf einmal mit sehr viel Geld und sehr wenig zu tun da.

Der Witz an der Geschichte war für mich gar nicht mal, dass Reichert nach einiger Zeit genervt war von Nichtstun und endlich wieder arbeiten wollte –  solche Workaholic-Geschichten sind ja nicht so überraschend. Spannender fand ich die Erkenntnis, dass man sich als Mensch mit viel Tagesfreizeit und solidem Finanzpolster auf einmal von Leuten umgeben sieht, die auch den ganzen Tag nichts zu tun haben. Denn der alte Freundeskreis muss ja weiterhin jeden Tag ins Büro und kann nicht mal eben mittags auf den Golfplatz. Diese neue Gesellschaft von golfspielenden Müßiggängern ist aber nicht unbedingt das, was man sich als tollen Freundeskreis wünschen würde: „Die eine Hälfte von denen war Alkoholiker, die andere verrückte Neureiche“. Die spannenden, netten und interessanten Leute sind oft dann doch eher die, die einer richtigen Beschäftigung nachgehen.

Bei der Gelegenheit: Interessanterweise scheint sich jeder zweite Titel im brandeins Magazin mit dem Thema Freiheit und Nichtstun zu beschäftigen: Vom Titelthema Faulheit über den Schwerpunkt Nichtstun bis zu „Mach dein Ding – Schwerpunkt Befreiung“. Das brandeins-Onlinearchiv ist eh eine Schatztruhe, vielleicht sollte ich im Blog mal den brandeins-Artikel des Monats einführen.

Laaangweilig!

Aber ich schweife ab. Für mich ist die Vorstellung, keinen Acht- oder Zehn-Stunden-Job mehr zu haben, überhaupt kein Schreckensszenario – ich habe keine Angst vor der Langeweile. Überhaupt, Langeweile habe ich bewusst seit der Kindheit nicht mehr gehabt, von einigen zähen Stunden in Arzt-Wartezimmern mal abgesehen. Ich habe genug Hobbies, Interessen und Projekte, mit denen ich mich immer schon mal beschäftigen wollte, die aber mangels Zeit zu kurz kommen. Von der Vorbereitung auf den Halbmarathon über die Reaktivierung meines Medienblogs bis zum Abarbeiten des immer höher werdenen Stapels ungelesener Bücher.

Reisen ist natürlich auch auf der Liste: Mal nicht nur zwei Wochen im Jahr irgendwohin, sondern einfach mal ein paar Monate in einer anderen Stadt. Und das Beispiel von Meike Winnemuth zeigt, dass sowas auch ganz ohne Lottogewinn funktioniert.

Brisanter finde ich eher die Frage, wie das persönliche Umfeld darauf reagiert, wenn man sich von der 9-to-5 Gesellschaft verabschiedet. Ein Mensch weit vor dem Rentenalter, der freiwillig nicht arbeitet und kein Hartz4 bezieht, das ist für viele Leute eine eher abstruse Vorstellung. Und das könnte durchaus auch Neid, dumme Bemerkungen oder andere unschöne Dinge im Bekanntenkreis hervorrufen.

Lockere Geschäfte

Andererseits glaube ich, dass die meisten Menschen, die zielstrebig auf ihre finanzielle Unabhängigkeit hinarbeiten, nicht die Typen sind, die sich dann auf einmal den ganzen Tag in die Hängematte legen. Auch für mich halte ich es für eher unwahrscheinlich, dass ich finanziell frei und ohne festen Job auf einmal so gar nichts mehr tun würde. Selbständig oder freiberuflich etwas zu machen hat darüber hinaus den Vorteil, dass man nicht „von Beruf Privatier“ ist, sondern Berater, Webdesigner, Webshop-Betreiber, etc. – muss ja niemand wissen, dass man diesem Beruf nur ein paar Stunden im Monat nachgeht. Das kann so manche anstrengende Diskussion ersparen.

Und dann kann sich aus einem kleinen Hobby oder Spaßprojekt auch schnell eine tagesfüllende Beschäftigung entwickeln, die am Ende sogar noch Geld abwirft. Gerade wenn man Dinge nicht primär aus Profitinteresse anfängt, und auch nicht darauf angewiesen ist, dass damit jeden Monat die Miete eingespielt wird, ist das eine gar nicht mal so schlechte Voraussetzung dafür, dass etwas erfolgreich wird. Mr. Money Mustache ist dafür ein gutes, wenn auch extremes Beispiel: er verdient mit seinem Blog und diversen anderen Projekten mittlerweile vermutlich mehr als vor seinem vermeintlichen Ruhestand.

3 Kommentare zu “Freiheit oder Langeweile?

  1. Ja, es ist tatsächlich so wie von dir im Blog beschrieben: „….ein Mensch weit vor dem Rentenalter, der freiwillig nicht arbeitet und kein Hartz4 bezieht, das ist für viele Leute eine eher abstruse Vorstellung. Und das könnte durchaus auch Neid, dumme Bemerkungen oder andere unschöne Dinge im Bekanntenkreis hervorrufen…“ Als sog. „Privatier“ ist man in Deutschland wirklich ein „Exot“. Selbst die Banken haben Probleme mich, seit einiger Zeit Privatier, beruflich „einzuordnen“, während ich bei der einen Bank als Privatier geführt werde hat mich eine andere Bank als Hausfrau „kategorisiert“. Eigentlich habe ich eine kaufmännische Ausbildung mit mehr als 30jähriger Berufserfahrung aber offenbar zählt das nicht mehr sobald man sich dazu entschloßen hat „auszusteigen“.
    Für mich wird es mehr und mehr zum Problem anderen zu erklären weshalb ich mit 50 Jahren nicht mehr arbeiten „muss“. Wenn ich sage, dass ich nicht mehr arbeite ist die erste mitleidige Frage „oh bist Du arbeitslos ?“. Danach kommt die Frage ob ich schon in Vorruhestand (wegen Krankheit) sei oder ob ich Hartz4-Empfänger bin. Ich bin entsetzt, dass es in Deutschland offenbar fast schon „unanständig“ ist wenn man es wagt aus dem gängigen Schema (schaffe, schaffe Häusle baue) auszusteigen.
    Neulich las ich eine Schlagzeile: in Deutschland leben ca. 650.000 Menschen, die ausschließlich von Mieteinnahmen oder Zinseinnahmen ihres Vermögens leben – also nichts arbeiten, einfach nur leben. Das sind noch nicht einmal 1 % von der Gesamtbevölkerung in Deutschland. Wie traurig !

Kommentar verfassen