ETF-Anbieterwechsel: Wann ist der beste Zeitpunkt zum Umschichten?

ETF-Anbieterwechsel: Wann ist der beste Zeitpunkt zum Umschichten?

Ich hatte ja schon vor einiger Zeit meine Wandlung zum Vanguard-Jünger angekündigt. Der Indexfonds-Anbieter ist bei fast allen Standard-ETFs ganz vorne mit dabei und daher in vielen Fällen meine erste Wahl. Leider habe ich aber schon einige Fondsanteile von anderen Anbietern im Depot. Naheliegend ist also, die Altfonds zu verkaufen und in Vanguard-Fonds zu wechseln, damit alles schön einheitlich ist.

Allerdings sind Vanguard Fonds zwar günstiger, die Einsparungen für Kleinanleger aber dennoch oft so klein, dass sich das An- und Verkaufen kaum lohnt. Die TER-Kostenunterschiede zwischen den Anbietern bewegen sich im Promille-Bereich. Ein Unterschied von 0,1 Prozent bei den ETF-Kosten würde pro Jahr kaum zehn Euro Ersparnis bringen, wenn man von einer Anlage von 10.000 Euro ausgeht. Bis man die An- und Verkaufsgebühren für die Umschichtung damit zurückverdient hat, können schon einige Jahre ins Land gehen.

Monk

Finanzmathematisch ist das also egal, und ich sollte ruhig parallel Vanguard und Alt-ETF im Depot halten. Aber der innere Monk in mir hätte gerne alles etwas aufgeräumter. Idealerweise schmeisse ich die Altaktien raus und wechsle alles in Vanguard-Fonds um. Das Problem ist, dass ich beim Umtausch nicht nur die (vergleichsweisen überschaubaren) Transaktionskosten habe, die ich mit den (vergleichsweise überschaubaren) geringeren Kosten von Vanguard gegenrechnen kann, sondern ich habe auch ein Steuerthema. Es gibt dafür drei Szenarien:

  • Man liegt mit dem Bestands-ETF im Plus. Ein Verkauf und Wechsel auf Vanguard würde bedeuten, dass man entstandene Kursgewinne erstmal versteuern muss
  • Der Bestands-ETF ist ohne Gewinn oder Verlust etwa zum Einstandswert zu verkaufen. In diesem Fall muss ich nur die An- und Verkaufskosten betrachten
  • Der Bestands-ETF ist in den roten Zahlen. Ein Verkauf würde den Verlust steuerlich realisieren und könnte mit realisierten Kursgewinnen aus demselben Jahr verrechnet werden, brächte also unter dem Strich vielleicht sogar eine Steuerersparnis.

Die Rechnung bitte

Rechnen wir mal nach. Nehmen wir an ich habe 100 ETF-Anteile eines Anbieters, nennen wir ihn xShares, zum Preis von 10 Euro gekauft. Diese Anteile verkaufe nach zwei Jahren mit einem schönen Gewinn von 100 Prozent, auf den ich beim Verkauf grob gerechnet 25 Prozent Kapitalertragssteuer zahlen muss:

Stück Kurs Euro
Ankauf xShares 100,00 10     1.000,00 €
Verkauf xShares  – Jahr 2 100,00 20     2.000,00 €
Steuer 25%        250,00 €
Auszahlung     1.750,00 €

Diese 1.750 Euro sind also mein Zielwert. Wenn ich mich nach einem Jahr entscheide, zu einem anderen ETF-Anbieter zu wechseln, will ich nach zwei Jahren nicht (viel) schlechter dastehen.

Als nächstes rechnen wir mal den einfachsten Fall: Der ETF ist nach dem ersten Jahr weder gestiegen noch gefallen, ich kann meine Anteile also ohne Gewinn oder Verlust „umtauschen“ von xShares in Vanguard Fonds (Transaktionskosten mal außen vor gelassen). Wir nehmen der Einfachheit mal an, dass die ETFs von xTrackers und Vanguard identisch gestückelt sind, d.h. ein xShares Anteil entspricht genau einem Vanguard Anteil. Nach zwei Jahren steht der Kurs wieder bei 20 Euro und ich verkaufe:

Stück Kurs Euro
Ankauf xShares 100,00 10     1.000,00 €
Verkauf xShares – Jahr 1 100,00 10     1.000,00 €
Steuer 25%                  –   €
Auszahlung     1.000,00 €
Neuanlage Vanguard 100,00 10     1.000,00 €
Verkauf Vanguard – Jahr 2 100,00 20     2.000,00 €
Steuer 25%        250,00 €
Auszahlung     1.750,00 €

Da keine Steuern beim Zwischenverkauf fällig werden und ich die Transaktionskosten hier ignoriere, komme ich wenig überraschend zum selben Ergebnis als wenn ich die xShares-Aktien behalten hätte.

Was passiert aber, wenn nach dem ersten Jahr der Kurs schon um die Hälfte gestiegen ist und daher beim Umtausch Gewinne realisiert und versteuert werden müssen. Schauen wir uns das mal in Zahlen an:

Stück Kurs Euro
Ankauf xShares 100,00 10     1.000,00 €
Verkauf xShares – Jahr 1 100,00 15     1.500,00 €
Steuer 25%        125,00 €
Auszahlung     1.375,00 €
Neuanlage Vanguard 91,67 15     1.375,00 €
Verkauf Vanguard – Jahr 2 91,67 20     1.833,33 €
Steuer 25%        114,58 €
Auszahlung     1.718,75 €

Da ich in dieser Rechnung nach dem ersten Jahr schon 125 Euro Steuern auf meine Gewinne zahle, kann ich nicht mehr die vollen 10 Anteile beim neuen Anbieter kaufen und partizipiere beim Anstieg im zweiten Jahr nicht mehr so stark vom weiteren Kursgewinn. Ich bin ja mit weniger Geld investiert. Am Ende bleiben nur 1.718,25 Euro, der der Umtausch hat mich 31,25 Euro gekostet  – wohlgemerkt zusätzlich zu den hier gar nicht berücksichtigten Transaktionskosten.

Die Rechnung sähe natürlich anders aus, wenn ich im Jahr 1 meinen Steuerfreibetrag noch nicht ausgeschöpft hätte. Aber da wir hier alle ja seit Jahren an unserer finanziellen Unabhängigkeit arbeiten, sind unsere Freibeträge natürlich längst verbraten.

Verluste

Wie siehts hingegen aus, wenn ich beim Umtausch der Fondsanteile Verluste realisieren würde: Wir nehmen mal an, dass der Kurs sich nach dem ersten Jahr halbiert hat, um dann am Ende des zweiten Jahres doch wieder auf den Endstand von 20 Euro zu steigen:

Stück Kurs Euro
Ankauf xShares 100,00 10     1.000,00 €
Verkauf xShares – Jahr 1 100,00 5        500,00 €
Steuer 25%                  –   €
Auszahlung        500,00 €
Neuanlage Vanguard 100,00 5        500,00 €
Verkauf Vanguard – Jahr 2 100,00 20     2.000,00 €
Steuer 25%        375,00 €
Auszahlung     1.625,00 €

In diesem Fall habe ich am Ende nur 1.625 Euro, also 125 Euro weniger als in der Benchmarkrechnung. Wie kann das sein, wo ich doch zwischenzeitlich gar keine Steuern zahlen musste? Nun: der Buchgewinn beim Verkauf nach zwei Jahren ist viel höher, da vom deutlich geringeren Einstandskurs zum Umtauschzeitpunkt ausgegangen wird. Daher muss ich hier deutlich mehr Steuern zahlen.

Allerdings, und das relativiert die Sache: Eigentlich müsste die Bank den nach dem ersten Jahr realisierten Verlust mit dem entstandenen Gewinn im 2. Jahr verrechnen, Stichwort Verlustvortrag. In diesem Fall dürfte ich am Ende doch wieder mit den 1.750 Euro rauskommen, zumindest wenn ich An- und Verkauf bei der gleichen Bank mache (ansonsten könnte ich das vermutlich noch über die Steuererklärung sicherstellen, aber das sprengt hier den Rahmen).

Ob das mit dem Verlustvortrag in der Praxis tatsächlich so reibungslos klappt, kann ich mangels praktischer Erfahrung nicht sagen, blind verlassen würde ich mich darauf eher nicht. Vor allen Dingen dann nicht, wenn der Verkauf erst in ferner Zukunft ansteht, was bei uns Buy-and-Hold-Fetischisten ja der Fall sein sollte.

Was lernen wir daraus

Die hier angestellte Rechnung ist sehr stark vereinfacht: Ohne Dividendenzahlungen, Transaktionskosten, Verlustverrechnung mit anderen Aktien oder steuerliche Freibeträge. Im konkreten Fall kann das Ergebnis ganz anders aussehen. Was man aber festhalten kann: Bei schon ausgeschöpften Freibeträgen und ordentlichem Buchgewinn ist ein Wechsel zu einer anderen Fondsgesellschaft eher keine gute Idee, da die fällige Steuerzahlung den zukünftigen Gewinn schmälert.

Auslöser für die ganze Rechnung ist übrigens, dass sich mein Emerging Markets Alt-ETF nach dreieinhalb Jahren fast wieder beim Einstandskurs eingependelt hat. Einerseits ist das frustrierend, andererseits aber vielleicht eine gute Gelegenheit, das Ding mal durch einen schönen neuen Vanguard-ETF zu ersetzen.

3 Gedanken zu “ETF-Anbieterwechsel: Wann ist der beste Zeitpunkt zum Umschichten?

  1. Moin,
    in Deiner Rechnung taucht nirgendwo die Steuerreform mit dem fiktiven Verkauf/Kauf zum Jahreswechsel 17/18 auf. Beispiel:
    Kauf in 11/16 von 100 zu 10EUR
    Kurs zum 31.12.17 sei 20EUR
    Verkauf in 11/18 von 100 Stück zu 15 EUR

    Den Gewinn von 1000 EUR bis Ende 2017 musst Du versteuern (nach altem Steuerrecht). Den Verlust von Anfang 2018 bis heute von 500 EUR bekommst Du nur zu 70% angerechnet nach neuem Steuerrecht.
    Wenn Du heute ETF verkaufst hast Du fast bei allen Fonds einen geringeren Kurs als beim fiktiven Verkauf. Da würde ich abwarten bis der Kurs wieder erreicht ist.

  2. Stimmt, das Steuerthema ist in meiner Rechnung (zu) stark vereinfacht und hat die gesetzlichen Änderungen seit 2018 nicht berücksichtigt. Danke für den Link, der fasst das Thema ganz gut zusammen. Bin immer noch fasziniert, dass die neuen Regeln tatsächlich als Vereinfachung der Besteuerung verkauft werden.

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