Dividendenstrategie – eine Blase?

Dividendenstrategie – eine Blase?

Auf dem Sparkonto gibt es kaum noch Zinsen und die Anleger wissen nicht wo hin mit ihrem Geld. Statt das Geld bei Nullzinsen oder gar Negativzinsen auf dem Konto versauern zu lassen ist das Gebot der Stunde, lieber in solide Unternehmen zu investieren mit steigenden Umsätze, Gewinnen und vor allem Dividenden. Johnson&Johnson, IBM, Coca-Cola, McDonalds oder Walt Disney sind hier allererste Wahl für einen dividendenorientierten Anleger: Diese Unternehmen zahlen zuverlässig und werden auch in fünfzig Jahren noch bestehen, denn Hautcreme, Limonade, Burger und Zeichentrickfilme werden auch in Zukunft nachgefragt. Einmal kaufen und nie mehr drüber nachdenken, buy-and-hold, da kann auf lange Sicht nichts schieflaufen, selbst wenn viele dieser Unternehmen schon ganz gut gelaufen sind und vergleichsweise hohe Bewertungen haben.

Wer ein wenig in Finanzblogs liest, wird diese Argumentation schon zuhauf gelesen haben. Da werden „always buy“ Aktien wie Johnson&Johnson empfohlen, die man gedankenlos immer kaufen kann, und „high-quality companies“ wie McDonalds ausgerufen, mit denen man quasi nie etwas falsch macht.

Back to the Future

Wenn man ein paar Jahrzehnte zurückblickt stellt man fest, dass das kein wirklich neuer Trend ist. Eine sehr ähnliche Entwicklung gab es schon in den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts: Die Geschichte der „Nifty-Fifty“ liest sich wie eine Blaupause für den aktuellen Dividenden-Hype, selbst die im Fokus stehenden Unternehmen sind fast unverändert.

Die Nifty Fifty waren 50 amerikanische Blue Chip Unternehmen, die eine findige Bank auserkoren hatte, weil sie stetig zu wachsen schienen und schöne Dividenden abwarfen. Sie wurde daher als narrensichere buy-and-hold Aktien vermarktet, die jeder haben muss. Unter ihnen so illustre und in der Finanzblogszene aktuell immer wieder empfohlene Unternehmen wie Johnson&Johnson, IBM oder Coca-Cola. Das ganze funktionierte über zehn Jahre hinweg dann auch wie vorhergesagt: die Nifty Fifty verachtfachten ihren Wert zwischen 1964 und 1972 und entwickelten sich weitaus besser als der Gesamtmarkt. Mit jedem Kursanstieg sprangen weitere Anleger auf den Zug auf und befeuerten die Entwicklung. Allerdings wuchsen die Firmengewinne nicht im gleichen Ausmaß, so dass am Ende für McDonalds, Johnson&Johnson oder Walt Disney ein Kurs/Gewinn-Verhältnis von über 55 gezahlt wurde, für Polaroid sogar ein KGV von 93.

Burst the bubble

Dass es auf Dauer nicht gutgehen kann, wenn sich Aktienbewertungen und Firmengewinne immer weiter auseinanderentwickeln, ist im Rückblick wenig überraschend: 1973 brach der amerikanische Aktienindex S&P 500 ein und halbierte sich annähernd in den folgenden zwölf Monaten. Die gehypten Nifty Fifty kamen noch stärker unter die Räder: Coca-Cola verlor 70 Prozent vom Höchststand, IBM knapp 60% und der ehemalige Topwert Polaroid sogar 91% (um dann noch ein paar Jahre später komplett in die Pleite zu gehen). Anleger, die erst spät auf den Zug aufgesprungen waren, hatten massive Verluste erlitten, und auch in den folgenden acht Jahren blieben die Nifty Fifty rund ein Drittel hinter dem Gesamtmarkt zurück.

Same procedure?

Aus der Geschichte zu lernen ist, gerade was den Aktienmarkt angeht, immer schwierig, denn, wie heißt es doch so schön in jedem Anlageprospekt:

„Die Wertentwicklung der Vergangenheit lässt keine verlässlichen Rückschlüsse auf die zukünftige Entwicklung zu“.

Und auch wenn die Parallelen zur Nifty Fifty Blase frappierend sind, ist die aktuelle Situation in vielen Punkten doch deutlich anders: Das Kurs-/Gewinnverhältnis ist für viele amerikanische Blue Chips derzeit zwar ambitioniert, aber ein gutes Stück von den Übertreibungen der Vergangenheit entfernt. Coca-Cola, McDonalds oder Walt Disney werden derzeit etwa beim 25fachen des Gewinns gehandelt. Auf der anderen Seite sind viele Firmen mittlerweile so groß geworden, dass man sich kaum vorstellen kann, wo signifikantes zusätzliches Wachstum herkommen soll. In den sechziger Jahren war etwa McDonalds noch ein rein amerikanisches Unternehmen und der Weltmarkt war komplett unbearbeitet. Mittlerweile ist McDonalds in 118 Ländern vertreten, und in den USA werden dieses Jahr mehr Filialen geschlossen als neue hinzukommen, weil der Markt mehr als – haha – „gesättigt“ ist. IBM kämpft seit Jahren mit sinkenden Umsätzen, ein Wachstumswert sieht anders aus. Und auch Coca Cola hält seine Dividendenzahlungen weniger durch kontinuierliches Gewinnwachstum stabil als durch Erhöhung der Ausschüttungsquote – eine Strategie, die irgendwann zwangsläufig ihr mathematisches Ende findet.

Insofern ist die Aussagekraft der Nifty Fifty Entwicklung im letzten Jahrhundert für heute eher begrenzt. Wenn es zwei Erkenntnisse gibt, die man aus der Nifty Fifty Blase ziehen kann, dann vielleicht diese beiden:

  • Diversifikation ist das Zauberwort, und zwar nicht nur über Branchen oder Regionen hinweg. Die Nifty Fifty, oder auch aktuelle Trends wie Dividendenstrategie oder Dividend Growth Investing verengen das Feld sehr stark zu einer Sammlung von Unternehmen mit ähnlichen Merkmalen. Was heisst, dass in Krisen diese Unternehmen auch ähnlich stark betroffen sein können. Wenn man eine Dividendenstrategie verfolgt schadet es also nicht, parallel ein paar breit gestreute Indexfonds als Basisinvestment und Anker im Depot zu haben.
  • In the long run we’re all dead zahlt sich buy-and-hold doch aus, selbst wenn man auf dem Höhepunkt einer Blase kauft. Ich habe leider keine Analyse gefunden, wie sich ein Nifty Fifty Depot bis heute konkret entwickelt hätte, aber wenn man sich die Entwicklung einzelner Werte ansieht, schaut das ganz vielversprechend aus. Der S&P 500, in dem die Nifty Fifty enthalten waren, hat sich von der Spitze der Blase in den Siebzigern bis heute verzwanzigfacht. Einzelwerte wie Coca Cola haben eine noch beeindruckendere Performance: Nach dem Platzen der Nifty-Fifty Blase hatte Coca Cola zwar 70 Prozent an Wert verloren, steht aber ein paar Jahrzehnte später mehr als 25fach höher als zum Höhepunkt der Blase. Mit solchen Gewinnen sollte man auch den Totalverlust bei Polaroid oder Kodak locker ausgleichen können.

6 Gedanken zu “Dividendenstrategie – eine Blase?”

  1. Hallo Teilzeitinvestor,

    zum Thema Fifty-fifty habe ich vor einiger Zeit schonmal einen interessanten Artikel (englisch) gelesen.
    Ohne sagen zu wollen, dass diesmal alles anders sei, hast du bereits richtig gesagt, dass wir von den damaligen Bewertungen noch ein Stück entfernt sind.

    Zu IBM sei angemerkt, dass hier das Geschäftsmodell umgestellt wird. Weg vom Hardwareverkauft (direkte Zahlung), hin zu Dienstleistungsverträge (regelmäßige, dauerhafte Zahlungen). Das wirkt sich natürlich auf den Umsatz aus.

    Außerdem zeigt das Beispiel AT&T (aktuell eine sehr hohe Ausschüttungsquote und nur geringem Dividendenwachstum in den vergangenen Jahren), dass die ganz großen Konzerne die Möglichkeit haben, Wachstumschancen einfach einzukaufen. Durch die Übernahme von directv könnten neue Bundles verkauft werden und die gute Stellung von directv in Mexico dazu genutzt werden, dort leichter AT&T-Verträge zu verkaufen. Ob das gelingt steht selbstverständlich in den Sternen.

    Folgender Artikel (ebenfalls englisch) zeigt ebenfalls deutlich, dass es letztlich ein gutes Investment braucht um langfristig erfolgreich zu sein. Eben genau das, was du mit ausgeglichenen Totalverlusten bei Polaroid und Kodak nennst.

    Ich glaube nicht, dass wir bei den Dividendenklassikern derzeit auf eine Blase zusteuern. Dividend Growth Investoren sind ein Tropfen auf dem heißen Stein. Und ich denke von den insgesamt wenigen Privatanlegern (in Deutschland), wird ein Großteil lediglich getrieben von Home Bias und der Dividendenrendite getrieben investieren. Vermutlich fällt denen, die sich intensiv damit beschäftigen, das nur so sehr auf, weil wir uns viel in eben dieser kleinen Community bewegen.

    Viele Grüße,
    Marco

    • Was IBM angeht, bin ich äußerst skeptisch, ob dieser Umbau nachhaltig funktioniert – kenne den Laden allerdings auch etwas von innen. Vielen Dank für die beiden Links, den Blog kannte ich noch nicht, sieht interessant aus.

      • Ob die Umstrukturierung von IBM funktionieren wird, wage ich nicht zu beurteilen. Ich habe lediglich nach einer Erklärung der rückläufigen Umsätze gesucht. Sofern ich weiß, hat IBM aber u. a. die Server-Lösungen der Lufthansa übernommen und ist in einem Teil der USA für die Steuerung von Wasserversorgung zuständig, um nur zwei Beispiele zu nennen. Das ist selbstverständlich keine Garantie für einen erfolgreichen Konzernumbau, zeigt aber deutlich wo das Geschäftsmodell hingeht. Welche Konkurrenz in diesem Markt herrscht und wie groß diese ist, weiß ich nicht. Aber ich weiß auch nicht, ob ein Kunde, der einmal bei IBM ist, so günstig zu einem anderen Anbieter wechseln kann. Ich bin gespannt, wie das ausgeht.

        Der Blog ist was das Anlageuniversum angeht sehr US-lastig, wirkt gut recherchiert, leider selten mit Quellenangabe. Meiner Meinung aber die beste Anlaufstelle für Dividend Growth Investoren. Der Autor bietet zusätzlich noch viele Artikel bei Seeking Alpha an.

    • Ich glaube kaum, dass deine Ansicht irgendjemand abstreitet. Bestand doch auch der Dow Jones zu Beginn fast ausschließlich aus Eisenbahngesellschaften.
      Dennoch konnte man zur damaligen Zeit lange mit diesen Eisenbahngesellschaften ein profitables Portfolio aufbauen. Buy and Hold heißt ja nicht Kaufen und Hirn ausschalten. Und wenn von Qualitätsaktien (schwammige Bezeichnung) gesprochen wird, muss das nicht immer nur hohe Dividendenrendite bedeuten, sondern es sollte vielmehr von einem zum jetzigen Zeitpunkt noch nachhaltigem Geschäftsmodell die Rede sein. Mit Öl konnte man beispielsweise die letzten Jahrzehnte ebenfalls ein Vermögen scheffeln (ohne in andere Branchen zu Streuen). Wird das in Zukunft so weitergehen? Vielleicht.

      Der DAX ist durch die vielen Industrie- und Finanztitel sehr zyklisch. Da macht sich in der Zusammensetzung etwas mehr Fluktuation bemerkbar.

      Viele Grüße,
      Marco

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